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Anita Berres, dt. Publizistin

AUS EIGENER UND FREMDER FEDER

Bericht zur Veranstaltung am 08.03.2015 im Landshuter Salzstadel

von Heike Arnold (Kommentare: 0)

Mundart werd gred. Ned geschriem.

Diese und weitere interessante Erkenntnisse gewannen die etwa 100 Teilnehmer der Veranstaltung „Die Sprachenvielfalt der Bayern“ im Landshuter Salzstadel, zu der das bayerische Cimbern-Kuratorium am zweiten Märzsonntag eingeladen hatte.

Text und Foto: Heike Arnold

Vorsitzender Jakob Oßner begrüßt die GästeDass trotz strahlendem Wetter so viele Gäste den Weg in den Landshuter Salzstadel fanden, freute Veranstalter und Akteure gleichermaßen. Nicht nur aus der Hauptstadt München und dem Landkreis Landshut waren die an Sprache und Kultur der Bayern und Zimbern interessierten Besucher gekommen; auch Gianluca Rodeghiero, Beisitzer des Kuratoriums aus dem norditalienischen Asiago, hatte es sich die Teilnahme nicht nehmen lassen. Und der Besuch sollte sich lohnen.
     Nach der kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden des bayerischen Cimbern-Kuratoriums Jakob Oßner und einer flotten bairischen Musik – wunderbar gespielt von Christina Schott (Akkordeon) und Ulrike Schott (Keybord) -,  machte der Veldener Mundartdichter Erich Stenger mit seinem Werk von

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Josef, Maria und dem Kind vom Heiligen Geist

Mundartdichter Erich Stenger aus Veldenden Auftakt. In seiner Muttersprache, dem Boarischen, nahm er die Zuhörer mit auf eine Gedankenreise in die Vergangenheit – in die Zeit von Maria und Josef, vor mehr als 2000 Jahren.  Mit der Erinnerung an den Heiligen Josef, dem man dieser Tage wieder gedenke, eröffnete Stenger eine philosophische Auseinandersetzung über ein Thema, über das bis heute nicht gerne geredet wird. Es ist ja auch – heute wie damals - schwer zu erklären, dass die Maria schwanger wurde von einem andern als ihrem geliebten Josef, dieser andere Mann aber in Wirklichkeit gar nicht existiert und die Maria auch nichts mitkriegt hat von der Zeugung! Man(n), also der Josef, musste es halt glauben, dass es sich bei dem Jesus um ein Kind vom Heiligen Geist handelt – um was ganz Besonderes. Wie er mit seinem Schicksal hadert, der Josef, und wie er sich mit der Frage quält, ob er das Kind als sein eigenes annehmen und die Verantwortung für die Familie übernehmen soll – von Erich Stenger in boarischer Mundart vorgetragen, hört sich die alte Geschichte plötzlich sehr aktuell an, sehr menschlich, mitfühlend – ja mitleidend. Dieser Effekt, erfährt das Publikum später von Prof. Jakob Ossner, liegt daran, dass nur die Mundart, nur der Dialekt diese „Wärme und Nähe“ vermitteln kann, während das Hochdeutsche, die Schriftsprache, eher kalt sei.

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Mundart werd gred, ned geschriem.

Cimbernexperte Dr. Remigius GeiserSo wichtig und wertvoll den Bayern das Boarische ist, so wichtig ist es den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen weltweit, dass ihre Orts- und Muttersprachen nicht aussterben. Etwa den Zimbern, die in den XIII und VII Gemeinden und Lusérn bis heute ein aus dem 11. Jahrhundert stammendes, von Emigranten nach Italien gewandertes Bairisch sprechen. Einer, der diese seltsame und nur schwer zu verstehende Sprache perfekt beherrscht, ist der Dipl.-Biologe Dr. Remigius Geiser aus Salzburg. Das Vorstandsmitglied des bayerischen Cimbern-Kuratoriums ist ein ausgewiesener Zimbern-Experte und damit ein Glücksfall für den gemeinnützigen Verein, der sich in den 1970er Jahren gründete, um die alte Sprache und Kultur der Zimbern vor dem Vergessen zu bewahren. Geiser verstand es, das Auditorium mit einem zimbrischen Sprachbogen in den Bann zu ziehen, der mit bekannten Gebeten wie dem „Vater unser“ und „Ave Maria“ begann und bei einem heiter-nachdenklichen Frühlingsgedicht endete. Wer genau „luste“, konnte die Ähnlichkeiten der beiden Sprachen bairisch und zimbrisch erkennen, und wem das von Geiser „Appetit machend“ dargebotene Zimbrisch nicht ausgereicht hat, findet weitere Sprachbeispiele sowohl auf der Homepage des Kuratoriums als auch auf dem Video-Kanal Geiser’s auf youtube[i]



[i] You tube und Facebook sind urheberrechtlich geschützte Marken.

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Was ist eigentlich … echter Dialekt?

Germanistikprofessor Dr. Jakob OssnerHätten Sie’s gewusst? 7.102 Sprachen (!) wurden am 23.02.2015 auf unserer Erde gesprochen. Doch schon heute oder morgen könnten es nur noch 7.101 sein. Oder 7.100. Sprachen sterben. Sagt die Wissenschaft. In hundert Jahren, so Jakob Ossner, Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Mitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung, sollen es nur noch etwa 70 sein. Nach diesen nüchternen und erschreckenden Zahlen zum Beginn seines Vortrages, spendet Ossner seinen Zuhörern dann aber gleich einen Trost: Das Bayerische wird laut der DIN-Zertifizierungsregeln, die es auch für Sprachen gibt, als „eigene“ Sprache definiert – und die Hoffnung, dass es noch einige Generationen überleben wird, ist groß. War es vor einigen Jahrzehnten vor allem bei den Städtern noch „verpönt“, sich mit „Zuagroastn“  in Mundart zu unterhalten, sind gegenwärtig besonders die Jungen wieder stolz auf ihren Dialekt und sprechen ihn auch auf Facebook[i] & Co. Doch was ist eigentlich echter Dialekt? Prof. Jakob Ossner kennt die Antwort. Dialekt oder Mundart, sagt er, ist das, was Geredet wird. Hochdeutsch dagegen ist das, was geschrieben wird – die Schriftsprache eben. Und wie sich das Ganze dann vermischt, wenn die bairische Mundart nicht gesprochen, sondern aufgeschrieben wird, macht er an einem Beispiel deutlich:

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Folie 20 aus dem Vortrag von Prof. J. Ossner

Dass, wie Prof. Ossner an Hand weiterer Beispiele belegt, jeder Mensch mehrsprachig ist und es auch im Dialekt Mehrsprachigkeit (Bsp.: Millebitschn, Muichbitschn, Milchhaferl) gibt, sind interessante Erkenntnisse, die jeder Teilnehmer aus der kurzweiligen, immer wieder von bairischer Musik bereicherten Veranstaltung mit nach Hause nehmen konnte. Zu den wertvollsten Lehren des Tages gehört jedoch sicher, dass allein der Dialekt es vermag, wahre Emotionen zu transportieren und echte Verbundenheit herzustellen. Und wer jetzt gerade denkt, dass da „wieda amoi vui zu vui Gefui im Spui is“, der hat nicht ganz unrecht. So samma hoid: Mia Bayern. ---#

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